Sechs bis acht Wochen dauert das Wochenbett. Fast nicht genug Zeit für die körperlichen und seelischen Umwälzungen, die eine Wöchnerin in dieser Zeit erlebt. Und doch müsste man beim Blick auf die Wirklichkeit eher von einem "Tagebett" sprechen. Denn viele Frauen schaffen es in unserer atemlosen Leistungsgesellschaft nur schwer, ihr Lebenstempo so stark zu drosseln, wie dies jetzt nötig ist. Bereits nach wenigen Tagen möchte ein Großteil der Frauen wieder "funktionieren" und möglichst nicht mehr auf Hilfe angewiesen sein. Das machen Leib und Seele jedoch oft nicht ungestraft mit: Übermüdung, Wochenbettdepressionen, Stillprobleme oder Brustentzündungen und Wochenfluss-Stau sind mögliche Folgen, wenn eine Wöchnerin zu früh wieder durchstarten möchte. Ich möchte Ihnen helfen, damit die Zeit des Wochenbetts zur Erfahrung eines neuen Lebensgefühls werden kann. Dabei hilft auch der Blick auf Wochenbett-Bräuche früherer Zeiten oder anderer Kulturen.

An den ersten zehn Tagen nach der Geburt ist die körperliche und seelische Umstellung am stärksten. Die Strapazen von Schwangerschaft und Geburt machen sich bemerkbar, die Konzentration der Schwangerschaftshormone sinkt stark ab, die Gebärmutter bildet sich rasch zurück. Die dafür nötigen Nachwehen piesacken die Frau manchmal heftig, der Wochenfluss ist noch recht stark und die Milchbildung muss in Gang kommen. Besonders beim ersten Kind kommt hinzu, dass man sich an das oft noch fremde Gefühl des Mutterseins gewöhnen und den Umgang mit dem zarten neuen Familienmitglied einüben muss. Um all dies leisten zu können, braucht eine Frau (mit ihrem Partner) vor allem eines: Ruhe, Abschirmung und eine Riesenportion gesunden Egoismus’.

Damit die Gebärmutter sich gut zurückbilden kann und der Milchfluss in Gang kommt, sollte eine Frau in der ersten Woche nach der Geburt viel liegen. "Man sollte ruhig im Liegen stillen, so kann man sich auch während des Stillens ausruhen", rät Judith Kulesza, Hebamme und Heilpraktikern der "Wuppertaler Hebammenpraxis" in Wuppertal-Vohwinkel. Um die ersten Tage wirklich völlig ungestört verbringen zu können, empfiehlt sie, einfach den Anrufbeantworter mit dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Gewicht des Kindes zu besprechen. "So erfahren alle Anrufer, was sie am dringendsten wissen möchten und die Eltern bleiben ungestört." Auf keinen Fall sollte man nun täglich Besucherhorden einlassen.

Das Schönste am frühen Wochenbett sind die ungestörten Schmusestunden der Eltern (und evt. Geschwister) mit dem Neugeborenen. Deshalb nennen viele Hebammen diese Zeit "Baby-Flitterwochen". "Das Wichtigste ist, Hilfsangebote anzunehmen, wo man sie irgend kriegen kann, und ruhig auch von sich aus zu fragen", so Kulesza. "Eine Mutter sollte außerdem unbedingt dann schlafen, wenn auch das Baby schläft!" Der Kardinalfehler vieler Mütter sei, dass sie diese Zeiten nutzten, um den Haushalt zu machen. "Und dann wundern sie sich, wenn sie nach kurzer Zeit völlig übermüdet sind", warnt die Hebamme. "Man kann sich vorher nicht vorstellen, wie extrem anstrengend die ersten Wochen mit Baby sind".

Obwohl Frauen in früheren Zeiten härter körperlich arbeiten mussten als heute und wenig Raum für ihre Bedürfnisse war, wusste man damals oft besser, was für eine Wöchnerin das Wichtigste war. Es gab die Regel, dass eine Frau ihr Kind sechs Wochen "nicht unter der Traufe (= Regenrinne) durchtragen" durfte, also nicht aus dem Haus gehen sollte. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war es in Deutschland außerdem Brauch, dass Nachbarinnen der Wöchnerin in der ersten Zeit täglich einen Topf Suppe gebracht haben. So konnte sie zu Kräften kommen, brauchte nicht zu kochen, und auch ihre Familie wurde satt. Leider ist diese Tradition in der heutigen Zeit verloren gegangen. Wenn eine Frau keine Möglichkeit hat, sich im Wochenbett täglich mit Essen versorgen zu lassen, kann sie nun meinen Service in Anspruch nehmen.

Bei vielen sogenannten Naturvölkern ist tägliche Hilfe für die frisch Entbundene auch heute noch Alltag. Bei den Mafa-Frauen in Nordkamerun versorgen die Frauen der Familie die Wöchnerin mit Kräutern zur Wundheilung. Diese enthalten ätherische Öle zur Desinfektion und Rückbildung, die äußerlich und innerlich angewendet werden. Die Familie kocht für die Wöchnerin Feigensuppe (das darin enthaltene Ficin beugt Endzündungen vor, fördert das Stillen und hilft bei Darmproblemen nach der Geburt). Darüber hinaus wird die Wöchnerin vollständig von der Außenwelt und Besuchern abgeschirmt, Kinder und Mann werden von anderen Verwandten versorgt. In Neuguinea schenkt der frisch gebackene Vater der Frau das Fett eines bestimmten, als wertvoll geltenden Regenwald-Vogels, mit dem sie ihren Körper nach der Geburt pflegen kann. Ansonsten übernehmen die Nachbarinnen Versorgung und Pflege der Wöchnerin.

Nachsorge – Unterstützung durch die Hebamme

Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen: In der Anfangszeit nach der Geburt ist keine Mutter mit ihren Fragen allein. Zehn Tage lang kommt täglich eine durch die Krankenkassen bezahlte Hebamme zur sogenannten Nachsorge. Wenn es Probleme gibt – zum Beispiel beim Stillen – zahlt die Krankenkasse zusätzlich bis zu acht Besuche der Hebamme innerhalb der ersten acht Wochen. Auch darüber hinaus können Mütter Unterstützung ihrer Hebamme erhalten, wenn ein ärztliches Attest vorliegt.

Ansonsten empfiehlt die Hebamme frisch gebackenen Eltern dringend, während der ersten Zeit mit Baby kürzer zu treten, Termine zu reduzieren, viel zu Hause zu sein und seine Bedürfnisse denen des Kindes anzupassen. Allzu viele Programmpunkte überfordern Mutter und Kind und stören den wichtigen Prozess des Sich-aneinander-Gewöhnens.